Du bist nicht Schuld!

Ich öffne die Augen. An meinem linken Arm eine schlecht sitzende Blutdruckmanschette. An meinem rechten Handgelenk eine Infusion. Wo bin ich? Plötzlich steht meine Mama an meinem Bett, sieht mich fest an, sagt : „Du bist nicht schuld! Alles wird gut“

Auf einmal fällt mir alles wieder ein. Ich taste meinen Bauch ab. Unter der Bettdecke bin ich nackt. Mein Bauch ist weich. Leer. Ein großes Pflaster klebt über meiner Scham. Und auf einmal ist er da. Der Gedanke.

Wo ist mein Kind?!

In dem Moment betritt mein Mann den Aufwachraum. Schiebt ein kleines Bett neben sich her.küsst mich auf die Stirn… Ich versuche mich etwas aufzurichten um das kleine weinende Bündel in diesem Bett zu betrachten. Ein ganz rot geweintes Gesicht hat es. Mein Mann legt mir das kleine Bündel in den Arm – also so gut wie es eben geht zwischen den ganzen Kabeln und Schläuchen. Mein Baby. Mein kleines, weinende Mädchen ❤ Ab hier verschwimmt alles irgendwie…

Ich erinnere mich daran dass sie viel schrie dort. Daran, dass sich niemand mal darum bemühte mir mein Baby nackig auf meine eh nackte Haut zu legen. Alles worum man sich sorgte war, ob ich auch einen guten Wochenfluss hatte.

Unsere Mukkelmaus wurde um 14:34 Uhr mit mir unter Voll-Narkose dem Papa vor der Tür während einer Notsectio in einem kalten Operationssaal von völlig fremden Menschen aus meinem Bauch gerissen und auf die Welt geholt.

Weil ihre Herztöne schlecht wurden.

Unter einer PDA die mir aufgeschwatzt wurde. Unter immer wieder unnötigen Interventionen der Hebammen und Ärzte .

Weil man uns keine Zeit ließ.

Weil ich „eigentlich ja eh zu dick für eine spontane Entbindung bin“ .

Weil man sich offenbar nicht dazu befähigt gefühlt hat, mich während der Wehen zu begleiten. Statt dessen hat man mir Medikamente gegeben, ohne mich darüber aufzuklären, was mir denn dort überhaupt verabreicht wurde.

Statt dessen wurde von Anfang an auf einen Kaiserschnitt hin gearbeitet. Dass dem so war, habe ich lange nicht sehen können, aber immer gespürt.

“ Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger! Sie wissen aber schon, dass Sie nicht zunehmen müssen?!“

Schon zu Beginn der Schwangerschaft wurde mir immer wieder von meiner zu der zeit behandelnden Gynäkologin vermittelt, dass ich eigentlich eh viel zu dick für eine gesunde, komplikationslose Schwangerschaft bin. Den Satz den Ihr über diesem Absatz lesen könnt habe ich so im O-Ton von meiner Ärztin vor den Kopf geworfen  bekommen…

Zugegeben, dass ich keine Elfe bin , ist ja mitlerweile kein Geheimnis mehr.

Dennoch – wäre mein Körper nicht in der Lage gewesen eine gesunde Schwangerschaft zu erleben – hätte er dann nicht von vorn herein gar keine Schwangerschaft empfangen?! Und abgesehen mal davon : Äääh Hallo?!?!

So zogen sich Verunsicherung, Angst und Zweifel wie ein roter Faden durch unsere eigentlich so schöne Komplikationslose Schwangerschaft. Bis auf die üblichen Zipperlein, gab es nämlich einfach nichts zu beanstanden. Kein Bluthochdruck, kein Gestationsdiabetes, keine übermäßige Übelkeit oder ähnliches.

Und dann in einer Nacht im April 2016 wurde ich wach, musste auf die Toilette, setzte mich auf die Bettkante und „knack“ – hatte ich wohl einen Blasensprung. Unsicher und unerfahren wie ich natürlich war und weil ich eben nicht den Filmmäßigen schwallartigen Fruchtwasserabgang hatte, war ich nicht sicher ob es nun los geht. Ging auf die Toilette, aß eine Banane (  🤔 klingt komisch aber ich hatte Hunger und fühlte iwie dass ich das grad brauch) und ging wieder ins Bett.

Knapp zwei Stunden später weckte ich meinen Mann und sagte :

“ Du , ich glaube wir müssen langsam mal ins Krankenhaus fahren“

Und damit begang morgens um fünf der Tag, der einer der schönsten in meinem Leben werden sollte und mich schließlich mit mehr als nur einer Narbe am Körper und einem Baby im Arm zurücklassen sollte.

Schon von der ersten Hebamme, die offensichtlich in den letzten Zügen ihres Nachtdienst war ( jaaa ich kenne das und ja ich hab Verständnis dafür wenn man da vielleicht nicht mehr ganz so empathisch ist wie mans eigentlich sein sollte ) , wurde ich nicht nur mehr als von oben herab und ätzend behandelt sondern auch wahnsinnig grob untersucht und allein gelassen. Ich hatte Schmerzen, wusste nicht ob ich nun einen Blasensprung hatte oder nicht und war einfach nur völlig verunsichert und verängstigt.

Nachdem mich auch eine Ärztin noch untersucht hatte und auch nach dem Baby gechaut hatte wurde ich mit ca. 2cm geöffnetem muttermund wieder heim geschickt.

Auf dem Heimweg übergab ich mich mehrfach, zu hause lag ich mit Schmerzen im Bett – Geburtsschmerz eben 😉

Gegen acht fuhren wir wireder ins Krankenhaus, diesmal wurden wir auch aufgenommen. Und diesmal betreute uns auch eine im ersten Moment sympathisch und kompetent erscheinende Hebamme.

Was mir schon da komisch vor kam war, dass ich direkt anästhesistisch aufgeklärt wurde. D.h. man hat mich quasi schon da für eine sectio vorbereitet. Alles Standard – nur für den Fall der Fälle – sagte man uns.

Keine halbe Stunde später hatte ich einen Zugang liegen und sollte spazieren gehen und schonmal mein GePäck aufs Zimmer bringen. Dass auch das mir hätte schon komisch vorkommen sollen, habe ich erst spät nach der Geburt festgestellt.

Ich bezog ein vier bett zimmer und wünschte mir schon zu dem Zeitpunkt inständig später in ein Familienzimmer wechseln zu können.

Kurz danach waren wir wieder im Kreißsaal und ich bekam die erste Infusion. Welche Medikamente die Hebamme hier abhing erfuhr ich nie.

Vorher hieß es plötzlich, man könne das ctg über die Bauchdecke nicht ableiten  ( aha auf einmal?!?) Und legte eine vaginale Ctg Sonde. Diese wird durch den muttermund am Kopf des babys befestigt. Dass schon das Stress fürs Baby bedeutet muss ich glaub ich nicht erwähnen.

Ich wurde immer wieder untersucht, es wurde immer wieder an meiner Infusion rum gebastelt ohne Vorwarnung, ohne Erklärungen. Ich ließ alles über mich ergehen denn mir fehlte die Kraft und ich ging ja auch davon aus,“ dass das schon alles so richtig ist“

Schließlich „beschloss“ die Hebamme, dass ich nicht genügend Wehen hätte ( die hatte ich aber!!) Und deswegen jetzt ein wehentropf nötig wäre. Um den aus zu halten wäre aber eine PDA von Nöten.

Alles ließ ich über mich ergehen. Die groben Untersuchungen. Die arrogante Art der Ärzte. Das von oben herab behandeln.Die widerliche Art des Narkosearztes als er mir die PDA legte. Alles. Weil ich glaubte so müsse es sein.

Und dann lag die PDA.

 

“ Drehen sie sich bitte nach links.Drehen sie sich auf den Rücken. Nein wieder zurück. “ – “ Sollen wir drücken?“ – “ Aber die wissen doch gar nicht wo sie hin müssen“ – „Dann drücken wir jetzt!“

Als die Notfallsituation entstand waren plötzlich 10? Leute im Raum. Mein Mann und ich mitten drin.

Ich hörte, dass das CTG schlecht klang. Alles redete durcheinander. Über unsere Köpfe hinweg. Und dann wurde ich auf eine fahrbare Liege gehievt. Drei Minuten später lag ich auf einem kalten Stahltisch. Über mir grelle Lichter. Über meinem Bauch ein grünes Tuch gespannt. Mit Tränen in den Augen spürte ich wie mein Unterleib desinfiziert wurde. Erst zu dem Zeitpunkt weinte ich. Das erste Mal an diesem Tag. Und das letzte was ich sah war der Anästhesist der sich über mich beugte und mir die Maske aufsetzte, die mich in die Narkose versetzen sollte. Und das letzte was ich sagte war “ Ich hab solche Angst“….

Ich öffne die Augen. An meinem linken Arm eine schlecht sitzende Blutdruckmanschette. An meinem rechten Handgelenk eine Infusion. Wo bin ich? Plötzlich steht meine Mama an meinem Bett, sieht mich fest an, sagt : „Du bist nicht schuld! Alles wird gut“

Am 25.11.2017 jährt sich für mich das erste mal der Roses Revolution Day. Dass dieser Tag immer näher rückt, spüre ich seit Wochen. Ich denke wieder viel über unsere Geburt nach – die für mich so gar keine war. Denke viel darüber nach, was uns da angetan wurde. Was MIR angetan wurde. Und es tut weh. Jedes mal wenn ich daran denke. Jedes mal wenn ich darüber rede. Jedes mal wenn ich die Narbe an meinem Körper spüre.

Sichtbare Narben verblassen mit der Zeit. Die Narben die so ein Trauma auf der Seele hinterlassen werden vielleicht auch irgendwann verblassen. Aber sie werden immer schmerzen.

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen bei WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: